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Alpenritt San Jon 2011

 

Im August waren wir 6 Tage mit den Pferden des Reitstalls San Jon unterwegs.

Auf einem Alpenritt durch das Engadin über 160 km, 4 Pässe und insgesamt je 5000 Höhenmeter An- und Abstiege haben wir unvergessliche Stunden im Sattel erlebt...


Einsame Natur und atemberaubende Aussichten auf dem Alpenritt 2011 des Reitstalls San Jon

Seit 10 Jahren geht Men Juon mit den Gästen seines Reitstalles San Jon einmal jährlich auf einen Alpenritt, der durch die einsamsten Bergregionen des Unterengadins führt. Der Ritt ist als Trekking-Ritt mit Zeltübernachtung konzipiert und führt über eine Distanz von ca. 160 Kilometer mit insgesamt 5000 Höhenmeter Auf- und Abstiegen, wobei vier Alpenpässe von Pferd und Reiter zu bewältigen sind. Dabei baut ein Team im Begleittross jeden Tag das Camp neu auf und am nächsten Morgen wieder ab. Die Reiter werden jeden Tag bei Ankunft im Lager mit einem „Begrüßungs-Apero“ empfangen und anschließend in der Camp-Küche mit einem Drei-Gänge-Menü und am Morgen mit einem leckeren Frühstück verwöhnt. Nur am dritten Tag wird in einem Hotel eingekehrt – Gelegenheit für alle, sich ausgiebig der Körperpflege zu widmen und dem Körper wieder ein weiches Nachtlager zu gönnen. Im August 2011 begleitete ich meinen Kollegen Men Juon als zweiter Rittführer auf diesem Ritt.

Montag, 08.08.2011

Pünktlich zum Frühstück hat es aufgehört zu regnen. Es ist zwar kühl und die Nebelschwaden hängen tief in den Bergen, aber schon das Ende des Dauerregens der letzten Stunden hebt die Stimmung an diesem kalten Sommermorgen.

Der Kaffee im Saloon San Jon ist stark und heiß und weckt die Lebensgeister der Reiter. Nach dem Frühstück werden die von Men ausgegebenen Satteltaschen gepackt – allzu viel muss nicht hinein, da unser Begleittross unser Gepäck mit dem Hänger transportieren wird. Neben zusätzlicher Kleidung kommt noch das Lunchpaket in die Satteltasche. Je nach Gusto kann sich jeder Teilnehmer sein Lunchpaket so zusammenstellen, wie es ihm am besten schmeckt: Käse, Wurst, Brote, Obst, Müsliriegel, Schokolade und „Studentenfutter“ liegen zur Auswahl bereit. Außerdem noch 0,5-Liter PET-Flaschen, die wir unterwegs in den zahlreichen Dorfbrunnen wieder mit Quellwasser nachfüllen können.

Das erste Satteln und aufschnallen der Packtaschen benötigt noch etwas mehr Zeit. Men und ich helfen den Reitgästen beim Satteln und zeigen, wie der Führstrick am besten um den Pferdehals gebunden wird. Erfahrungsgemäß wird das aber von Tag zu Tag schneller gehen und die Reitgäste werden am Ende der Tour das Satteln und Packen völlig eigenständig übernehmen können.

Gegen 09.30 Uhr ist es soweit – der Alpenritt 2011 des Reitstalls San Jon kann beginnen. Unser Weg führt uns zunächst von San Jon hinunter nach Scuol. Bis an den Inn führen wir die Pferde die knapp 300 Höhenmeter bergab. Dann sitzen wir erstmals auf und reiten durch die Altstadt von Scuol zur anderen Talseite, wo uns unser Weg wieder hinauf in Richtung Ftan / Guarda / Lavin / Susch führt. Wir bewegen uns zwischen 1400 und 1470 m Meereshöhe, wobei der Weg sich in einem ständigen Auf und Ab über Alm- und Waldwege entlang „schlängelt“. Wegen des Regens der letzten Wochen sind noch nicht alle Almwiesen gemäht und so können wir immer wieder prächtige Blumenwiesen bewundern, die sich in Ihrer Farbenpracht wohltuend vom eintönigen „Einheitsgrün“ der intensiv genutzten Wiesen in der Ebene abheben.

Bei Susch zweigen wir in das Val Susaca ab. Das Tal ist nach der Susaca benannt, einem Gebirgsbach, der auf der Passhöhe des Flüela entspringt und bei Susch in den Inn mündet. Hier beginnt auch der Flüelapass, der die Orte Davos im Landwassertal und Susch im Unterengadin verbindet.
Die ersten Kilometer können wir ab Susch noch parallel zur Flüela-Passstraße reiten, dann müssen wir auf die Straße wechseln, weil der alte Wanderweg wegen Steinschlaggefahr gesperrt ist. Hier begleitet uns ein Fahrzeug während der letzten 3 Kilometer, um die Reitergruppe nach hinten vom Verkehr abzuschirmen.
Auf der anderen Seite des Passes, zwischen Davos und dem Flüela-Hospiz, verkehrt im Sommer jeden Dienstag die historische 6-spännige Postkutsche und vermittelt auch "Nichtreitern" ein Gefühl davon, was Reisen „anno dazumal“ bedeutete.

Vor Erreichen unseres ersten Camps, das direkt an der Susaca liegt, gilt es noch ein kleines Abenteuer zu bestehen. Da die Brücke über die Susaca wenig Vertrauen erweckend ist, führt Men die Gruppe direkt durch die an dieser Stelle etwa 5 Meter breite Susaca. Von hinten habe ich einen guten Blick auf die Reiter und frage mich, ob wohl alle ihre Pferde durch den reißenden Gebirgsbach bekommen. Bei einer Wassertiefe von ca. 60 cm tasten sich die ersten Pferde vorsichtig über grobe Kieselsteine durch eine reißende Strömung. Dabei werden die Pferde bis zu einen Meter von der Strömung flussabwärts abgedrängt, bevor sie das andere Ufer erreichen. Hier zeigen sich die Qualität von Mens Pferden - nicht ein einziges macht irgendwelche Anstalten, sich zu verweigern. Selbst die drei Araber von Men gehen überlegt und ruhig durch den Bach – und das, obwohl Araber nicht gerade als Freunde des nassen Elements gelten…

Dienstag, 09.08.2011

Die erste Nacht im Zelt war kalt und der Schlaf unruhig. So kostet das Verlassen des warmen Schlafsackes am Morgen auch einige Überwindung. Nach der Morgentoilette und dem Besuch des „Toilettenzeltes“ gilt der erste Gang dem Küchenzelt, in dem Angie und Ivan bereits seit einiger Zeit die Vorbereitungen für das Frühstück treffen. Ich hole mir einen Kaffee und beobachte, wie das Lager nach und nach erwacht. Men und ich geben den Pferden noch neue Heunetze, die wir an den Bäumen anbinden. Dann sind auch wir mit dem Frühstück an der Reihe. Mich beeindruckt die professionelle Organisation des Camps. Der Müll wird feinsäuberlich gesammelt und auch auf der Toilette herrscht „Mülltrennung“. Das benutzte Toilettenpapier wird separat in einem Müllbeutel gesammelt – nur das, was den Körper natürlich verlässt, kommt in die Campingtoilette. „Leave no trace“ nennen das die Amerikaner in Ihren Nationalparks und entlang der Weitwanderwege, wie dem 4240 km langen Pacific Crest Trail, den jährlich 300-400 Weitwanderer abwandern.

Nach dem Frühstück beginnt die morgendliche Routine, die unser Leben nun die nächsten Tage bestimmen wird: Wir packen unsere Taschen und stellen sie für das Team im Begleittross auf eine Plane. Im Küchenzelt wird wieder das persönliche Lunchpaket zusammengestellt und in den Satteltaschen verstaut. Dann geht es zu den Pferden. Jedes Pferd bekommt morgens und abends einen Futtersack mit Kraftfutter umgeschnallt. Während sie fressen, kontrollieren wir die Pferde. Anschließend folgen Putzen und Satteln. Zum Schluss kommt noch das Befestigen der Satteltaschen und der Regenkleidung am Sattel – dann ertönt auch schon der Ruf: „Alle bereit zum Abreiten?“

Die Zelte werden später vom Begleittross abgebaut – nur ich bilde die Ausnahme: Mein „Wurfzelt“ benötigt zum Aufbauen nur wenige Minuten und auch das Abbauen ist schnell geschehen. Deshalb mache ich das jeden Tag alleine.

Heute werden wir die Pferde den ersten Kilometer führen, bis der schmale Pfad wieder reitbar wird. Das Zaumzeug wird deshalb an das Sattelhorn gehängt und die Pferde mit dem Führstrick geführt. Beim Aufsitzen helfen Men und ich den Reitern – nicht, weil sie das nicht alleine könnten, sondern weil es schonender für die Pferderücken ist und sich Sattel und Pad so nicht verschieben. Wir selbst suchen uns dann eine passende Aufstieghilfe, die es in Form von Felsen und Bäumen zur Genüge gibt. Dann führt Men die Gruppe wieder an. Wie gestern festgelegt, reiten wir in einer festen Reihenfolge, bei der auch die Sympathien/Antipathien der einzelnen Pferde berücksichtigt werden. Die feste Reihenfolge sorgt auch für Ruhe während des Rittes ohne Positionsgerangel unter den Pferden. Ich bilde wieder den Schluss und beobachte das Ganze von hinten. Nachdem ich sonst als Rittführer immer an der Spitze reite, ist es ein aufschlussreiches Erlebnis, das Ganze einmal von hinten zu beobachten…

Der heutige Tag hat es in sich. Wir folgen zunächst einem Wanderweg, der parallel zur Passstraße auf den Flüela entlang führt. Dann biegen wir links ins Val Grialetsch ein, dem wir auf einem kaum erkennbaren Wanderweg hinauf bis zum Grialetschpass (2537 m) folgen werden. Nachdem wir noch einmal einen Gebirgsbach gequert haben, reiten wir dem sporadisch gekennzeichneten Wanderweg. Der sonst schon sumpfige Weg ist durch die Nässe der vergangenen Wochen noch tiefer geworden. Auch die Rinder, die hier seit Mitte Juni weiden, haben ihren Teil dazu beigetragen. Immer wieder sinken die Pferde tief in den Morast ein. Dem müssen wir schließlich Tribut zollen: Bis wir die Passhöhe erreichen, müssen wir viermal lose Eisen wieder befestigen oder verlorene Eisen suchen, finden und neu aufnageln.

Der steile Weg ist auch für die Pferde extrem anstrengend. Mit jedem Höhenmeter, den wir gewinnen, wird es kälter, bis die ersten Graupelschauer waagerecht durch die Luft ziehen. Das ist für die Reiter zwar unangenehm, zumindest den Pferden erleichtert die Kälte aber das Arbeiten. Wie anstrengend es ist, auf über 2400 m Höhe über Stufen von Stein zu Stein zu springen und die Sumpflöcher zu umgehen, merken wir kurz vor der Passhöhe, als wir die Pferde ein Teilstück führen. Ein weiteres verlorenes Eisen zwingt uns zur Rast auf der Passhöhe. Die Pferde nutzen dies zum Verschnaufen und beginnen sogleich, am kargen Gras zu knabbern. Auch hier beweist Men wieder sein „Fährtensuchertalent“  – nach 15 Minuten ist das verlorene Eisen gefunden und kann wieder aufgenagelt werden. Dann machen wir uns zu Fuß auf den Weg den Berg hinunter in Richtung Dürrbodenhütte. Zwei Stunden lang geht es sehr steil und in Stufen den Berg hinunter. Wie steil es ist, erkennt man daran, dass wir zweimal anhalten müssen um bei einigen Pferden mit verrutschtem Sattel/Pad wieder neu aufzusatteln.

Via Valtellina - wie der Wein aus dem Veltlin nach Norden kam...

Unten im Tal angekommen, empfängt uns ein einheimischer Wanderer, der „Schoki“ verteilt und uns etwas über die Geschichte des Tals und der Säumer auf der Via Valtellina erzählt. Hier, am Wanderweg zwischen Dürrboden und dem Scalettapass, bewegen wir uns auf  „historischen Pfaden“. Auf der Via Valtellina wurden bis zum Ausbau des Straßen- und Schienennetzes auf alten Säumerrouten die Veltliner Weine durch drei Länder und drei Sprach- und Kulturgrenzen „gesäumt“. Dabei führte die Route vom Veltlin über den Berninapass nach Pontresina und weiter über das Engadin und den Scalettapass nach Davos. Von dort aus gingen die Säumer über den Wolfgangpass nach Klosters und weiter über das Schlappiner Joch ins Montafon nach Schruns.

Nach der unterhaltsamen und süßen Unterbrechung machen wir uns auf den „Schlussspurt“. 20 Minuten später, die wir eben verlaufend auf einer schmalen Asphaltstraße zurücklegen, erreichen wir bereits unser zweites Camp. Während wir die Pferde halten, baut Men eine Koppel auf. Auf Kommando werden dann alle Pferde in die Freiheit der Koppel entlassen. Das Heu für die Pferde tragen wir vom Hänger den kleinen Hügel hinauf, auf dem auch der Stall steht. Das gleiche steht auch noch für unser Gepäck und die gesamte Küchenausrüstung an. Heute kochen, essen und schlafen wir im Kuhstall. Insbesondere das Kochen gestaltet sich als eine besondere Herausforderung – sozusagen als „Passüberquerung für Köche“: Angie und Ivan kochen nämlich unter erschwerten Bedingungen. Selbst als es draußen noch hell ist, kann man im Stall dunklen Stall kaum etwas sehen. So müssen sich die beiden mit Stirnlampen ausgerüstet an das Kochen des heutigen 3-Gänge-Menüs machen. Umso höher ist das Ergebnis ihrer Kochkunst einzuschätzen: Die „Schweizer Älpler-Makkaroni“ schmecken prima und geben an diesem kalten Abend im August, der sich eher nach November anfühlt, auch Wärme „von Innen“. Das Rezept habe ich mir jedenfalls gleich besorgt und freue mich schon auf das Nachkochen daheim.

Mittwoch, 10.08.2011

Die ganze Nacht hat es in Strömen geregnet. Zum Glück konnten wir im trockenen, warmen Kuhstall schlafen – im Zelt wären wir wohl „davongespült“ worden…

Als ich zum Fenster hinausblicke, traue ich meinen Augen nicht. Mitte August hat es über Nacht in der Höhe geschneit und die Berggipfel und Pässe sind nun in Schnee gehüllt. Die Pferde bekommen zunächst wieder Heu, dann bereiten wir wieder die Kraftfutterportionen vor, die sie in „Futtersäcken“ um den Hals gehängt bekommen. Das bekommen die Pferde natürlich mit und Unruhe macht sich bei ihnen breit. Deshalb müssen auch alle Reiter gemeinsam auf die Koppel und jedem der Pferde gleichzeitig das Kraftfutter umhängen. Schnell ist dieses weggeputzt und wir können die Futterbeutel wieder abnehmen. Da heute der längste Reittag ansteht, beeilen wir uns mit dem Frühstück. Bevor wir die Pferde holen, um sie reitfertig zu machen, muss aber noch das gesamte Gepäck und die Küchenausrüstung hinunter zum Hänger gebracht werden. Bei dem nassen, glitschigen Boden erfordert das einiges an Überlegung, will man nicht mitten im Morast landen.

Die heutige Tagesetappe beginnt mit dem Anstieg auf den Scalettapass (2606 m). Bevor wir aber die ca. 5 km lange Strecke mit über 600 Höhenmetern angehen, erwartet uns noch einmal der geschichtenerzählende Wanderer von gestern. Heute hat er für uns keine "Schoki" mitgebracht, sondern einen Vino Rosso aus dem Veltlin. Das Veltlin ist Namensgeber für verschiedene Weinsorten, wobei ein Rotwein, gewonnen aus der Nebbiolo-Traube, seit Jahrhunderten angebaut wird und die am weitesten verbreitete Weinsorte ist. Der Sattel-Trunk - in Anlehnung an die Via Valtellina, auf der wir heute reiten - ist eine schöne Idee. Jeder Reiter bekommt einen kleinen Becher gereicht, den die meisten auch tapfer austrinken. Die Einen mit Genuss, die Anderen eher aus Höflichkeit - ist doch das Trinken von Wein kurz nach dem Frühstück nicht Jedermanns bzw. Jederfraus Sache...
Für den Anstieg auf den Scalettapass benötigen wir ca. 1,5 Stunden. Bereits auf den letzten 100 Höhenmetern gehen die Pferde dann im Schnee. Dieser beginnt an den Eisen aufzustollen, da wir im August natürlich keine Schneegrips unter den Eisen haben. Die Pause vor dem Abstieg hinunter zur Alp da Funtauna (2192 m) nutzt Men, um den Schnee von den Eisen zu klopfen. Zum Glück liegt auf der Südseite des Passes deutlich weniger Schnee, der dann auch bald zu schmelzen beginnt. Dafür gehen wir nun teilweise in einem Bachlauf, der sich durch das Schmelzwasser auf dem ausgewaschenen Wanderpfad gebildet hat.

Bereits auf dem Weg hinunter beginnt der Himmel aufzureißen und die Sonne verbreitet eine wohltuende Wärme. Die Überbekleidung wird abgelegt und die Sonnenbrillen herausgeholt – Leben, was bist du schön!

Nach der Mittagsrast an der Alp da Funtauna machen wir uns daran, den zweiten Pass des Tages anzugehen. Durch das traumhaft schöne, einsame Val Funtauna ziehen wir bergan in Richtung Keschhütte/Keschpass. Nur wenige Wanderer und ein einziger Mountainbiker begegnen uns hier. Welche eine Wohltat, die Einsamkeit der Bergwelt „in aller Stille“ genießen zu können…

Kurz vor der Keschhütte erschließt sich uns ein tolles Bergpanorama mit Blick auf den Porchabellagletscher, der sich leider auch hier auf dem rasanten Rückzug befindet. Bis zum Pass sind es von der Alp da Funtauna noch einmal 5 Kilometer und etwas über 400 Höhenmeter, die uns die Pferde den Berg hinauf tragen. An einer Stelle müssen wir einem unsicheren Steg ausweichen. Es geht  zunächst ein steiles Geröll-/Morastfeld hinunter, dann durch einen Bach und auf der anderen Seite wieder hinauf. Wieder beweisen die Pferde des Reitstalles San Jon, dass sie echte „Wanderprofis“ sind. Bedächtig Schritt für Schritt setzend, bringen sie ihre Reiter sicher auf die andere Seite. Dabei hat man nie das Gefühl, dass die Pferde mit den Anforderungen überfordert wären.

Nach dem zweiten Pass am heutigen Tag folgt nun ein Abstieg von knapp 13 Kilometern, auf dem wir die Pferde die meiste Zeit führen. Im oberen Bereich ist die Strecke sehr schön und führt auf schmalen Pfaden über Almwiesen und durch einen Arvenwald. Weiter unten dann folgen wir einem breiteren Weg, der teilweise asphaltiert ist. Erst am Ende des Val Tuors wird es wieder so flach, das wir aufsitzen können. Dass wir heute die einzige Übernachtung im Hotel haben, ist gut gewählt. Als wir am Abend in Bergün ankommen, sind alle Teilnehmer ziemlich erledigt und reif für eine ausgiebige Dusche. Wir satteln ab und versorgen die Pferde – dann überlassen wir sie ihrem Glück im hohen Gras auf der Weide. Angie, Ivan und Gabi haben in der Zwischenzeit wieder einen „Apero“ mit kleinen Snacks vorbereitet, über die wir herfallen. Dann verabschieden sich die ersten in Richtung Hotel. Eine kleine Karawane zieht durch den wunderschönen Ort Bergün dem Hotel entgegen, in dem unser Gepäck schon wartet…

Zu Abend genießen wir ein leckeres Menü im Hotel. Sehr bald lichten sich dann die Reihen der Reiter, die – frisch geduscht - dem ersehnten Bett entgegen ziehen. Als ich eine Stunde später aufs Zimmer gehe (ein Dank an Angie, die mir noch Gesellschaft geleistet hat…), bin ich der letzte Gast in der Stube und der Wirt macht hinter mir das Licht aus…

Donnerstag, 11.08.2011

Heute brechen wir zum letzten Tag mit Passüberquerung auf – der Albulapass steht an. Den meisten Teil der Strecke können wir abseits der Passstraße auf wunderschönen, verschlungenen Single-Trails reiten. Nur auf einem kurzen Abschnitt folgen wir der Passstraße und queren dabei auch die Eisenbahnbrücke über die gerade ein pittoresker Zug in Serpentinen den Pass hinab fährt. Bis 1903 wurde der gesamte Warenverkehr mit Saumpferden über den Albulapass gebracht – ca. 180 Pferde waren in dieser Zeit täglich in beiden Richtungen unterwegs. Mit Inbetriebnahme der Albulabahn hat sich dies schlagartig geändert. Die Säumer wurden arbeitslos und für einige Zeit waren nur noch wenige Menschen zu Fuß oder mit dem Fuhrwerk über den Pass unterwegs. Wenn man den historischen Berichten Glauben schenkt, hat sich die Bevölkerung aber schnell umgestellt und dem beginnenden Tourismus geöffnet. Heute ist die Straße über den Albulapass über den Winter geschlossen, weil sich das Offenhalten der lawinengefährdeten Passstraße für den Verkehr nicht rentiert. Die meisten Benutzer sind ohnehin Touristen, die in den Sommermonaten mit dem Auto, Fahrrad oder dem Motorrad über den Pass fahren. Dafür ist der untere Abschnitt der Passstraße zwischen Bergün und Preda nun im Winter eine Schlittenbahn, wobei die Urlauber den Start in Preda bequem mit dem Zug der Albulabahn erreichen können.

Knapp 2 Stunden benötigen wir für die 7 Kilometer / 550 Höhenmeter bis zu unserer Mittagsrast am wunderschönen Lai da Palpuogna - einem Bergsee, der 2007 in einer Umfrage von SF1 „zum schönsten Fleck der Schweiz“ gewählt wurde. Dass wir so langsam sind, liegt an den vielen Viehzäunen, die teilweise nur mit Werkzeug geöffnet und anschließend wieder geschlossen werden können.

Am Seeufer binden wir die Pferde an den Bäumen an und genießen die Pause bei dieser herrlichen Aussicht. Natürlich dürfen auch die Pferde etwas fressen und befreien bei der Gelegenheit die Uferzone vom hochstehenden Gras…

Nach der Pause folgt der finale Anstieg hinauf auf den Pass, auf dem wir in Teilen auf der alten Römerstraße reiten. Noch einmal 4 Kilometer sind es bis zur Passhöhe und knapp 400 Höhenmeter. Auf einem Abschnitt – vielleicht 500 Meter lang - führt uns ein schmaler Pfad direkt am steilen Abhang entlang – nichts für Reiter, die unter Höhenangst leiden oder denen es am Abgrund schwindelig wird. Aber auch hier zeigen die WanderPferde von San Jon wieder, dass sie echte Profis sind und geben ihren Reitern die notwendige Sicherheit. Überhaupt ist die Reitergruppe, die bis auf drei deutsche Reiterinnen nur aus Schweizern (richtigerweise Schweizerinnen - bis auf Men und mir ritt nur noch ein weiterer Mann mit) besteht, erstaunlich fit in Sachen „Alpines Reiten“. Wo vielleicht noch etwas Voraussicht fehlt oder die Hilfengebung auf schwierigen Passagen optimiert werden könnte, gleichen dies die abgeklärten WanderPferde von San Jon aus, die sich ihre Wege eigenständig und mit Bedacht suchen.

Auf der Passhöhe queren wir die Straße und machen eine weitere Rast inmitten von Murmeltierbauten. 45 Minuten später gibt Men dann wieder das Zeichen zum Aufbruch – der letzte Abschnitt der heutigen Etappe steht an. Die Viehweide hinunter führen wir die Pferde noch, dann können wir das letzte Mal am heutigen Tag in den Sattel steigen. Nach der Passhöhe weist der Albulapass ein breites, nur leicht abfallendes Plateau auf, über das wir mit den Pferden noch einmal reiten können. Dann aber wird der Pass nach La Punt hinunter wieder sehr steil. Hier führen wir die Pferde in Serpentinen parallel zur Straße die restlichen 500 Höhenmeter hinunter bis wir kurz vor La Punt unser heutiges Camp erreichen. Wieder liegt das Camp an einem Bach, was für die Wasserversorgung natürlich hilfreich ist. Der heutige Platz ist der schönste der ganzen Woche. Wir genießen dabei das schöne Abendwetter bei unserem Apero mit Blick auf die Berge und die direkt neben uns weidenden Pferde. Als wir am Abend ein Lagerfeuer entzünden, sammeln sich auch die Pferde in unserer Nähe auf der Koppel. Ob sie das tun, weil sie sich in der Nähe der Menschen sicher fühlen, oder ob der Rauch des Feuers die lästigen Stechfliegen vertreibt, bleibt dabei der Spekulation überlassen…

Freitag, 12.08.2011

Die drei „Königsetappen“ des Alpenrittes durch die Schweizer Berge liegen hinter uns – die kommenden 2 Tage erwarten uns nun keine Alpenpässe mehr, sondern wir werden talabwärts überwiegend auf Forst- und Wanderwegen reiten – Genussreiten ohne besondere Herausforderungen für Pferd und Reiter ist angesagt. Heute geht es über ca. 24 Kilometer von La Punt nach Zernez. Die Etappe es relativ einfach mit nur etwas über 200 Höhenmetern Anstiegen und knapp 500 Höhenmetern Abstiegen. Wir folgen dabei wieder dem Inn, der sich hier als türkisblaues Gewässer in Richtung Österreich schlängelt. Übernachtungsstation bei Zernez ist ein Bauernhof, auf dem Angusrinder gezüchtet werden. Der Hof ist erst wenige Jahre alt und versorgt sich völlig autark. Der Strom wird über Wasserkraft selbst hergestellt und auch das Abwasser wird in einer biologischen Kläranlage selbst gereinigt, bevor es wieder dem Inn zugeführt wird. Das Abenteuer dieses Reittages ist die steile Leiter, über die wir samt Gepäck zu unserem Nachtlager auf den Heuboden steigen müssen.

Samstag, 13.08.2011

Beim Putzen der Pferde ruft jemand: „Schaut dort oben – eine Gemse“. Und tatsächlich: In der ca. 100 m hohen Felswand, die sich scheinbar senkrecht direkt hinter dem Bauernhof erhebt, ist eine Gemse zu sehen. Regungslos steht sie am oberen Rand der Wand und blickt direkt zu uns herunter. In der Erwartung, dass die Gemse gleich wieder verschwindet, packen wir hektisch die Fotoapparate aus. Doch weit gefehlt! Anstatt sich scheu zurückzuziehen setzt sich die Gemse - wie Paris Hilton vor einer Ansammlung Paparazzi – in Pose und klettert elegant, die Gesetze der Schwerkraft scheinbar ignorierend, die Felswand hinunter, um schließlich nur wenige Meter von uns entfernt in den Büschen zu verschwinden. Wir reiben wir uns erstaunt die Augen – solch ein Erlebnis dürfte selbst ein „Älpler“ nur ganz selten haben. Jemand fragt Men noch scherzhaft, ob er die Gemse bestellt hätte und um die Ecke der Bauer wartet, um das Tier wieder in den Stall zu bringen…

Heute ist der letzte Reittag der Alpentour 2011. Uns erwarten noch einmal ca. 32 Kilometer Reitstrecke, auf der wir jeweils knapp 900 Höhenmeter An- und Abstiege überwinden müssen. Überall auf den Bergwiesen sind die Bauern bei der Heuernte, was im Vergleich zu unserem maschinellen Heuen mit einer Menge körperlicher Arbeit verbunden ist, bei der die ganze Familie eingespannt wird. Wer noch zu klein ist, wird eben auf die Wiese gesetzt und muss sich irgendwie selbst beschäftigen, während Großeltern, Eltern und Geschwister das Heu einbringen. Witzig finde ich eine Frau, die mit dem Laubbläser das Heu einen steilen Abhang hinunter bläst und sich so das mühsame Rechen erspart…

In Ftan kehren wir in einem Lokal ein, das ein leckeres, selbstgemachtes Speiseeis verkauft. Die Pferde sind derweil - wie an einer Perlenschnur aufgereiht – entlang der Dorfstraße an Ringen angebunden, die in eine Mauer eingelassen sind. Beinahe jeder Einheimische, der an unserer Gruppe vorbeikommt, nutzt die Gelegenheit für ein „Pläuschchen“ mit Men. Dabei stört es sie auch nicht, wenn der Verkehr hinter ihnen kurz warten muss, bis das Gespräch beendet ist…

So gestärkt machen wir uns dann zu Fuß hinunter nach Scuol. Die 450 Höhenmeter den Berg hinunter ziehen sich und die Sonne gibt sich alle Mühe, das Versäumte der vergangenen Wochen an diesem einen Tag wieder nachzuholen. So sind dann auch alle (Pferde und Reiter) froh, als wir schließlich den großen Brunnen in Scuol erreichen, an dem wir unseren Durst stillen und gleichzeitig ein wenig frisch machen können.

Ein letztes Mal heißt es Aufsitzen – dann reiten wir noch einmal einen sehr schönen Pfad die letzten knapp 300 Höhenmeter hinauf nach San Jon. Diese letzten Kilometer fliegen wie im Zeitraffer an uns vorbei - dann sind wir auch schon wieder zurück von unserem 6-Tages-Alpenritt durch das Engadin. Die Pferde werden ein letztes Mal abgesattelt und mit einem Schwamm vom Schweiß befreit. Dann führt jeder Reiter „sein“ Pferd zum Wälzen auf die Koppel. Dann heißt es Abschied nehmen von unseren Pferden. Im selben Moment beginnt ein Gast aus San Jon damit, sein abendliches Alphornspiel anzustimmen. Der Abschied, gepaart mit der traurigen Melodie des Alphorns, treibt dann doch einigen der Reiterinnen die Tränen in die Augen.

Der von Men Juon und seinem Team perfekt organisierte Alpenritt hatte alle Elemente, die nach der Definition der Deutschen Wanderreiter-Akademie (DWA) Bestandteil eines Wanderrittes sein sollten: Das Reisen zu Pferd als eine erlesene Komposition aus den Erlebniselementen Natur und Landschaft, Kultur und Geschichte, Reiten in angenehmer Gesellschaft mit kulinarischem Genießen und einem Hauch von Abenteuer…

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